Derzeit ist einem selten zum Lachen zumute. Nicht nur wegen der direkten Folgen des weltweit grassierenden Virus - ob gesundheitlich, sozial oder wirtschaftlich. Sondern auch, dass andere wichtige Probleme völlig aus dem Fokus geraten sind: die Klimakrise, aber vor allem die furchtbaren Zustände in den Flüchtlingslagern dieser Welt.

Ein kurzer, sonniger Recherche-Spaziergang rund um die berühmteste Kreuzung Kiels hat aber nun doch für ein wenig Heiterkeit beim Schreiber von bielenbergkoppel.de gesorgt. Direkt am "Überflieger" zwischen den Hauptfahrbahnen des Barkauer Kreuzes steht seit Mittwoch wie ein Fels in der Brandung ein einsames Dixi-Klo. Zumindest die Bauarbeiter können nun sozusagen auf die Straße scheißen. Wunderbar.

Und der Rest der Menschheit kann selbiges mit der Südspange tun - was durch Corona jetzt unverhofft in der Praxis bewiesen wurde. Zusätzlich wäre ein teilweiser Rückbau des Theodor-Heuss-Rings möglich. Huch!?

Zitat 1:
www.kiel.de vom 8.4.20, Rückgang des Verkehrs

Die Landeshauptstadt Kiel berichtet am 8. April in einer Pressemitteilung von den Auswirkungen der Pandemie auf den Autoverkehr in der Stadt. Zu den durchweg gesunkenen Werten von etwa 40% stellt die Stadt unter der Überschrift "Mobilitätswende" durchaus scharfsinnig fest:

"Die aktuellen Verkehrszahlen bieten der Landeshauptstadt wichtige Erkenntnisse für die angestrebte Mobilitätswende. Der Rückgang beim fließendem Kfz-Verkehr entspricht in etwa den Zielwerten aus dem Masterplan 100% Klimaschutz und dem Masterplan Mobilität. Derzeit geht das allerdings mit einem Rückgang der täglichen Mobilität der Kielerinnen und Kieler einher, was im Jahr 2035 oder 2050 nicht die Realität sein wird.  Aktuell ist erkennbar, wie viel Platz benötigt werden würde, ohne dass Staus zu befürchten sind. Der so entstandene Verkehrsraum kann zum Beispiel für attraktive Radverkehrsanlagen, eigene ÖPNV-Trassen und zur Steigerung der Aufenthaltsqualität genutzt werden. "
[Hervorhebungen bielenbergkoppel.de]

Zitat 2:
Kieler Nachrichten vom 16.4.20, Baustelle am Theodor-Heuss-Ring

"Stockend, aber nicht komplett dicht" - KN 16.4.20

Unter der schönen Überschrift "Für echtes Chaos zu wenige Autos unterwegs" berichten die KN in ihrer Printausgabe, dass die Auswirkungen der baubedingten Sperrung eines Streifens des Theodor-Heuss-Rings und des Überfliegers (s.o.) nicht sehr groß seien.
Zitat: "... der Zeitverlust für die Autofahrer hielt sich in Grenzen. Ausschlaggebend ist das gesunkene Verkehrsaufkommen in der Corona-Krise."

Zitat 3:
Masterplan Mobilität der KielRegion, 2017, Ziele

Einstimmig im Jahr 2017 von der Kieler Ratsversammlung beschlossen, heißt es dort: "Um die Ziele zur CO2-Reduktion erreichen zu können, ist [...] eine Verringerung der Verkehrsleistung im Kfz-Verkehr erforderlich [...] Die Landeshauptstadt Kiel sollte [bis 2035] einen Rückgang der Fahrleistung von etwa 40 % aufweisen" *.

verkehrsabnahme klein
Grafik aus dem Masterplan (Klick für Zoom)
Grün: Straßen mit Verkehrsabnahme

Im Masterplan Mobilität ist eine Vielzahl konkreter und vernünftiger Maßnahmen genannt, um diese Ziele erreichen zu können. Höherwertiger ÖPNV und Reform des Tarifsystems, Ausbau des Radverkehrs, Ausweitung des kombinierten Verkehrs, um einige zu nennen. Insgesamt wurden 72 (!) Maßnahmenkomplexe mit unterschiedlicher Priorität definiert, um die Verkehrswende in Kiel voran zu bringen und die CO2-Ziele zu erreichen. Laut aktuellem ÖPNV-Gutachten von 2019 dürfte dabei die Stadbahn eine zentrale Rolle spielen.
[*Masterplan Mobilität KieRegion, Kurzfassung, S. 7, PDF]

Zitat 4:
Projektinfo der Südspange aus dem Bundesverkerkehrswegplan 2030

Die Notwendigkeit der Südspange wird so begründet:
"Der Neubau der Eckverbindung B404 / A21 - B76 (Südspange) wird insbesondere zur Entlastung der OD der B76 [Ortsdurchfart TH-Ring] in Kiel dringend benötigt. Im Bereich der Verknüpfung mit der B404 ist diese Straße schon zurzeit stark überlastet. Aufgrund mangelnder Alternativen kann hier eine wirksame Entlastung nur über eine direkte Führung von Verkehren über die Südspange von der B404 zur B76 außerhalb der hochbelasteten Bereiche um das Barkauer Kreuz (B404 / B76) erreicht werden."suedspange stoppen

Zitat 5:
Gutachten zur A21-Anbindung (Variantenprüfung von 2016)

Wer sich mit der Südspange beschäftigt, kommt nicht an dem von der Stadt in Auftrag gegebenen Gutachten vorbei, das verschiedene "Planfälle" mit oder ohne Südspange untersucht hat. Seit 2016 liegen dort die Ergebnisse vor.  In Bezug auf mögliche Verlagerungen des zusätzlichen, für das Jahr 2025 prognostizierten Verkehrs weg vom hoch belasteten Barkauer Kreuz und des Theodor-Heuss-Rings heißt es zusammenfassend über die Varianten mit Südspange:

" ... der Großteil der Leistungsfähigkeitsdefizite wird dadurch jedoch nicht vollständig behoben."
[Erläuterungsbericht A21, S.131: 12.3.5 Ergebnisse verkehrliche Bewertung]

Natürlich wurde dabei nicht untersucht, wie sich eine Umsetzung des Masterplans Mobilität mit 40% Reduktion der Fahrleistung in Kiel bzw. 25% in der Region auf die Verkehrsströme auswirken würde, denn dieser wurde erst 2017 verabschiedet.

Fazit:
Die Rechtfertigung der Südspange bricht in sich zusammen

Halten wir also fest: Es gibt einen beschlossenen Masterplan Mobilität, dessen Zielvorgaben hinsichtlich des Autoverkehrs sich aus der Notwendigkeit der CO2-Reduktion ergeben. Unverhofft ist die erst für 2035 angestrebte Verringerung des Autoverkehrs dank Corona temporär eingetreten. Und nicht nur das: Zufällig ist sogar noch eine Spur des Kieler "Problem-Rings" gesperrt und auf dem Überflieger steht aktuell ein einsames Dixi-Klo. So als wäre das noch eine beabsichtigte Verschärfung der "Versuchsanordnung". Eine Südspange gibt es bisher und hoffentlich auch 2035 nicht.

Stellen wir also die angebliche Alternativlosigkeit der Südspange den Maßnahmen des Masterplanes Mobilität gegenüber. Und machen zusätzlich noch eine Spur des Theodor-Heuss-Rings für einen breiten Radschnellweg zwischen Elmschenhagen und Uni frei. Es ergibt sich folgendes Bild: Während die Südspange gutachterlich ein überwiegend wirkungsloses Placebo ist, das zusammen mit dem A21-Bau bis zum Barkauer Kreuz insgesamt für mehr Verkehr sorgt, würde eine konsequente die Umsetzung des Masterplanes tatsächlich für Entlastung am Ring und anderswo sorgen. Was im Ergebnis nicht nur mehr Lebensqualität in der gesamten Stadt bedeuten würde, sondern in der gesamten Region. Und der Grüngürtel würde nicht weiter zerstört.

Zum Kampf gegen die weitere sinnlose Betonierung des Kieler Grüngürtels zugunsten von überflüssigen Straßen gehört also auch, dass die Landeshauptstadt Kiel mit dem Masterplan Mobilität ihre eigenen Ziele bis 2035 konsequent umsetzt.

dixi klo