"Gansel, die Stadregionalbahn & die Holtenauer Hochbrücke"

Es gibt da eine Geschichte, die lange im Umfeld des ehemaligen Vereins "Pro StadtregionalBahn e.V." erzählt wurde und sinngemäß so geht: Der ehemalige OB Nobert Gansel hatte abgelehnt, dass bei der neu gebauten Holtenauer Hochbrücke Ende der 90er zusätzlich etwa 60.000 D-Mark in die Hand genommen wurden, um das Bauwerk für eine mögliche Trasse einer späteren Stadtregionalbahn zu ertüchtigen. Weil er voll auf Autoverkehr gesetzt habe und nichts von der traumtänzerischen Idee gehalten habe, neue Schienen in Kiel zu verlegen, wo sie doch 1985 erst abgeschafft wurden.

Ein knappes Vierteljahrhundert später heißt es "Bahn frei!"- und der Kieler Norden mit geplanten Neubaugebieten schaut vorerst in die Röhre. Abgehängt von einer möglichen Tram. Wegen Gansels Fehlentscheidung.

Dumm nur: Die Geschichte kann so nicht stimmen und geht vermutlich etwas anders. Die zweite "Prinz-Heinrich-Brücke" wurde 1996 fertiggestellt, Norbert Gansel war aber erst ab 1997 Oberbürgermeister. Fakt scheint aber, dass die Kanalbrücke - so wie sie ist - nicht geeignet ist, den wachsenden Norden Kiels an einen leistungsfähigen Schienen-ÖPNV anzuschließen.

Perspektivwechsel.

Im Kieler Süden wird das größte Neubaugebiet der Stadt mit über 1600 Wohneinheiten geplant. Das "StadtDorf" Meimersdorf. Dort, wo die vorhandenen Stadtteile bereits sehr stark auf den motorisierten Individualverkehr ausgerichtet sind. Dort, wo laut Einschätzung des beauftragten Gutachters die Stadteile weiter stark autoorientiert sein werden, wenn sie keinen Anschluss an "höherwertigen ÖPNV" erhalten.

Am vergangenen Freitag und Samstag wurden im Terminal des Ostseekais die Zwischenergebnisse der laufenden Trassenstudie für diesen "höherwertigen ÖPNV" vorgestellt. Positiv: Die Geschichte mit der (mutmaßlichen) Tram für Kiel nimmt endlich Fahrt auf und ist beileibe kein theoretisches Gespinst mehr. Der Kieler Süden wird als potenzielle spätere Erweiterung nicht ausgeschlossen. Und dabei wurde noch nicht einmal das mögliche zusätzliche Fahrgast-Potenzial von Park & Ride bzw. einem möglichen Umstiegspunkt im Gewerbegebiet Wellsee an der B404/A21 untersucht.

Aber: Der dortige Ortsbeirat wurde 2019 mit der Aussage der Kieler Verwaltung abgespeist, dass ein Anschluss im Zentrum des Neubaugebiets nicht möglich wäre, wenn man das Bauprojekt insgesamt nicht verzögern wolle. Umplanung von Straßenquerschnitten, weniger Bauland, Nachverhandlungen mit dem Investor. Allenfalls ein Anschluss am Ortsrand wurde als Option gesehen.

Wunder geschehn:
Bielenbergkoppel.de feiert die Kieler CDU

Die Kieler CDU nahm die ohnehin eingetretene Verzögerung mit zwischenzeitlichem Investorenwechsel nun in der vergangenen Ratsversammlung zum Anlass, den Antrag zu stellen, eine Anschlussoption im Zentrum des neuen "StadtDorfs" sicher zu stellen. Eigentlich im Jahr 2021 eine Binsenweisheit, dass Stadtteile um eine vernünftige ÖPNV-Anbindung herum geplant werden und nicht umgekehrt geschaut wird, wo dann am Ende noch Platz bleibt. OB Ulf Kämpfer griff gleich zwei Mal in die Debatte ein. Mit ernster Miene verwies er insbesondere darauf, dass eine Annahme des Antrages ernste Konsquenzen haben würde, auch finanzieller Natur. Es gab letztlich aber keine direkte Ablehnung in der Ratsversammlung, sondern eine Überweisung in den Bauausschuss.

Es ist eine Premiere, dass auf dieser Seite einmal die CDU für etwas gefeiert wird. Denn die Stadtbahn in den Süden wird hier seit 2018 kontinuierlich thematisiert. Auch mit eigenen Vorschlägen, die dann später sogar in abgewandelter Form durch Gutachten verifiziert wurden.

stadtbahn 2018 2021

Der einzige kurze persönliche Austausch, den der Schreiber jemals mit dem aktuellen Oberbürgermeister im engeren Kontext Südspange hatte, drehte sich auch genau um dieses Thema: 2019 im Rahmen einer NABU-Veranstaltung im Naturerlebniszentrum Kollhorst, wo Kämpfer im Vorgriff auf die später erschienene ÖPNV-Grundlagenstudie nicht genug Potenzial für eine schnelle Realisierung sah. Und tatsächlich wurde dem Schreiber aktuell noch von anderer Stelle kolportiert, der OB halte das Thema eher für Traumtänzerei. Das Ganze macht - auf gut Deutsch - den Eindruck, die Kieler Verwaltung inklusive Chef hat auf das Thema überhaupt keinen Bock.

Eine Frage drängt sich auf:

Wird man sich 2040 in Meimersdorf die Geschichte erzählen, dass der Stadtteil wegen ein paar Euros und einer Fehleinschätzung des ehemaligen OB Ulf Kämpfer verplant und abgehängt wurde?