"Stadtbahn einstimmig beschlossen":

Nein, das ist leider (noch) keine Überschrift aus den Kieler Nachrichten. Das viel kleinere Regensburg macht stattdessen dieser Tage vor, was geht. Nach über 50 Jahren Abstinenz wird dort die Schiene mit zunächst zwei Linien ein Comeback erleben. Dabei lohnt sich der Blick nach Süden nicht nur auf Deutschland (bzw. Bayern) bezogen. Sondern auch innerhalb Kiels ist der Süden interessant, wenn wir über nachhaltige Mobilität sprechen.

Doch zunächst ein paar Details zur Regensburger Planung:

Die "alte" Straßenbahn war dort schon 1964 eingestellt worden (Kiel: 1985). Ähnlich wie in Kiel wurde seit den 90er Jahren über eine mögliche neue Bahn diskutiert. Ursprünglich wollte man mit mehr Linien starten. Doch von den Prognosen her wären mehr als zwei Linien nicht ausreichend ausgelastet, um "förderfähig" zu sein. Und ohne Förderung ist so eine Bahn für eine Stadt alleine nicht bezahlbar.

Nettes Symbolbild mit CC0-Lizenz (Tabor/Pixaby): Straßenbahn Erfurt

In einer Studie (.pdf) wurden Kosten und Leistungsfähigkeit von einem erweiterten Bussystem und einer Schienenlösung gegenübergestellt, wie ein attraktiverer ÖPNV im Jahr 2030 aussehen könnte, wenn man die viel zu vielen Autos aus der Stadt bekommen will. Ergebnis, grob gesagt: Ein Bussystem wäre billiger zu haben, aber wäre nicht leistungsfähig genug. Eine Tram wäre im pessimistischten Szenario "so gerade eben" volkswirtschaftlich vertretbar, was Nutzen und Kosten angeht. Aber dafür wäre sie leistungsfähig genug.

Interessant an der Regensburger Geschichte sind verschiedene Aspekte: Das sogenannte Kosten-Nutzen-Verhältnis, das errechnet wurde, ist ungünstiger als das, was hier vor Jahren für die nicht realisierte Stadtregionalbahn errechnet wurde. Ein entsprechendes Gutachten für Kiel, man muss da kein Hellseher sein, würde ebenso für die wichtigsten Linien feststellen, dass mit Bussen alleine kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist. Denn man kann bei Uni oder Holtenauer Straße den Takt nicht endlos verdichten oder Busse verlängern.

Und spannend ist auch, dass offensichtlich auch in der Regensburger Diskussion manche übers Ziel hinausgeschossen waren, was die Hoffnung auf den technischen Fortschritt angeht. So wurde dort über das sogenannte "Platooning" (autonome, hintereinander gekoppelte Busse) als Alternative diskutiert. Auch hier in Kiel gab es vor der Kommunalwahl Grüne, die ein wenig "crazy" von einer schienenlosen autonomen "Straßenbahn" mit Gummibereifung fabulierten, die bisher in China aber nur über einen Testparcours fährt und um die es vor einem Jahr einen kurzen Medien-Hype gab. Der ÖPNV einer Großstadt eignet sich allerdings nicht zum "Beta"-Testen. Einzelne Pilotstrecken für autonome Shuttle, wie bereits auf bielenbergkoppel.de vorgeschlagen: gerne! Aber auch 2045 (wenn Holstein Kiel bekanntermaßen internationaaaal spielt) wird sicher ein leistungsfähiges Schienensystem als Rückgrat des ÖPNV benötigt werden.

Der wichtigste Aspekt ist aber die Einsichtsfähigkeit der Regensburger Politik (inklusive CSU!) und der Mut, angesichts einer klaren Faktenlage eben auch mal eine Meinung zu überdenken. Darauf wartet man bei der hiesigen CDU bisher vergebens und inwieweit die FDP im Zuge der Kooperationsgespräche mit SPD und Grünen ideologischen Ballast abwirft, bleibt abzuwarten.

Zwei Linien in Regensburg - drei in Kiel

Was die beiden Regensburger Linien angeht, so müssten es vermutlich in Kiel drei Linien sein, um wirtschaftlich zu sein. Wenn man den hiesigen Flurfunk von Leuten, die etwas mehr von der Sache verstehen und besser in der Materie "drin stecken", richtig interpretiert. Die Ratsversammlung hat kürzlich die Prüfung EINER Pilotstrecke beschlossen und den Zusatzantrag der Grünen, eine zweite Linie von Schilksee in den Süden zu prüfen, verworfen. Freilich vor der Kommunalwahl und dem verlorenen Bürgerentscheid zum neuen Stadtteil in Holtenau. Was konkret die Sache mit Schilksee unrealistischer macht. Aber nicht den Blick in den Kieler Süden.

Stadtbahn-Linie nach Neumeimersdorf über Wellseedamm

Drei Linien hieße sechs Endpunkte. Uni, Wik, Mettenhof, FH auf dem Ostufer dürften dabei gesetzt sein.

Und an dieser Stelle möchte ich Neu-Meimersdorf ins Spiel bringen.

Denn es liegen bereits Gleise auf der anderen Seite der jetzigen B404, bis ins Gewerbegebiet Wellsee. Ein Industriegleis, das nicht mehr genutzt wird, südlich von Gaarden von der Bahnstrecke Kiel - Lübeck abzweigt und auch direkt am relativ neuen Wohngebiet im Westen Wellsees vorbeiführt. Südlich des Gewerbegebietes endet das Gleis im Nirgendwo. Doch das könnte man ändern. Dort, wo sich offensichtlich derzeit eine größere Abstellfläche für LKW befindet und Google Maps einen Kosmetiksalon als einziges Gewerbe verzeichnet (südlich der Bäckerei Rönnau) böte sich an, das Gleis sozusagen auf den Wellseedamm Richtung Westen zu verschwenken und unter der B404 hindurch zum KN-Druckzentrum am Solldiekswall zu führen. Weiter westlich sind 2000 neue Wohneinheiten geplant. Platz für neue Gleise wäre mehr als reichlich vorhanden!

Die LKW-Abstellfläche könnte gewissermaßen Parkplatz bleiben: Ein Park & Ride Platz sowie Mobilitätsstation direkt an der Haltestelle der Stadtbahn und in direkter Nähe zur Ausfahrt vor dem Ende der A21: Kiel-Wellseedamm. Und ja, neben einer Radstation wäre sicher auch denkbar, im Jahr 2028 die Nachfolger der noch relativ dummen autonomen Kleinbusse, die bereits jetzt im bayrischen Bad Birnbach und anderswo fahren, für Shuttle-Dienste sowohl im recht weitläufigen Gewerbegebiet, als auch im Stadtteil Meimersdorf einzusetzen.

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Fahrtzeit vom Gewerbegebiet Wellsee per Bus zum Bahnhof: Etwa 18 Minuten. Fahrtzeit mit der Stadtbahn: Etwa 10 Minuten. Wohin die Linie führen würde und wie eine Anbindung am Bahnhof oder südlich der Hörn erfolgen würde, lassen wie hier außen vor. Die Buslinien 41 und 42 fahren jetzt Richtung Suchsdorf/Projensdorf, die neue 43 endet am Bahnhof. Sogar eine direkte Anbindung ans Ostufer (jetzt Linie 9) über das Hein-Schönberg-Gleis wäre theoretisch denkbar.

Man würde quasi mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Leistungsfähige Anbindung des größten Gewerbegebietes der Stadt, Anbindung des am stärksten wachsenden Stadtteils, Vorhaltung eines attraktiven Park &-Ride Angebotes für Pendler und sonstige Besucher aus dem Süden, sofern Parken in der City entsprechend unattraktiv wird. Entlastung von Ausfallstraßen inklusive Theodor Heuss Ring und Alter Lübecker Chaussee. Und natürlich ein Beitrag zum Klimaschutz. Und eine Stadtbahn im Süden wäre ein weiteres Detail, um eine kontraproduktive Südspange durch den Grüngürtel oder Ausweichplanungen über den Wellseedamm Richtung B76 überflüssig zu machen.

Vielleicht ist diese Stadtbahnlinie in den Süden Spinnerei. Möglicherweise sind 25 Semester Studentenjobs Studium der politischen Wissenschaften und eine Erkundungstour mit dem Rad auch keine ausreichende Qualifikation, um den Verkehr im Kieler Süden zu planen. Im Gegensatz zu chinesischen Reifenstraßenbahnen oder sogar Festhalten an einem reinen Bus-ÖPNV in Kiel wäre das aber dann eine vergleichsweise bodenständige Spinnerei.