Vertreter von SPD, CDU, SSW sowie die Vertreterin der Kieler FDP haben im Juni in einer gemeinsamen Pressemitteilung die Südspange als Maßnahme bezeichnet, die der Umwelt "zugute" komme, Anwohner "endlich von Verkehrslärm entlastet" und Pendlern nutze, die "ihre wertvolle Zeit nicht im Stau verschwenden wollen". Diese angebliche Entlastung zieht sich bereits seit Jahrzehnten durch die Argumentation der Befürworter.

Mit der Realität hat das wenig zu tun. Ausgerechnet die Prognosen, auf die sich berufen wird, sprechen da eine sehr deutliche Sprache, wenn man reale Zahlen von heute als Basis nimmt.

Verkehrsbelastung ausgewählter Straßen im Vergleich 2013 und 2025

Abgebildet ist die Prognose der Verkehrsbelastung für 2025, wie sie im Gutachten für das Tiefbauamt für die Variante 1 aufgeführt ist, die nach heutigem Stand vom Bund favorisiert ist: A21 bis zum Barkauer Kreuz, Südspange als vierspurige Bundesstraße durch den Grüngürtel zur B76.

Im Vergleich zur Verkehrszählung 2013 fällt auf, dass außer einer geringen Abnahme von 8% im Bereich Theodor-Heuss-Ring/Friesenbrücke starke bis extreme Zunahme auf anderen Straßen zu vermelden ist. Mit 40% Zunahme werden die Anlieger der faktisch dreispurigen Alten Lübecker Chaussee in die Nähe der Belastung kommen, die heute auf dem vierspurigen Ostring herrscht.

Der westliche Theodor-Heuss-Ring zwischen Barkauer Kreuz und Waldwiesenkreisel, der schon heute bundesweit Negativ-Schlagzeilen macht, soll noch einmal 25% mehr Verkehr aufnehmen - woran ein hypothetischer Ostring II im Übrigen vermutlich auch keinen Einfluss hätte. Höchstens im negativen Sinn.

Vom nahezu autofreien Bereich der heutigen Kleingärten und Wanderwege, der Einfachheit halber "Bielenbergkoppel" genannt, ganz zu schweigen.

Barkauer Kreuz im Planfall 1

Wenn man sich die Grafiken dieses Planfalles im Erläuterungsbericht genauer anschaut (Bild 2), fällt zudem auf, dass ein Autobahnende am Barkauer Kreuz auch aufgrund straßenbaurechtlicher Vorgaben größere Kurvenradien bedeuten würde.

Ob den dortigen Anliegern am Lübscher Baum und Hornheimer Weg bewusst ist, dass zumindest zur Diskussion steht, dass sie von ihrem eigenen Haus und Grund "entlastet" werden könnten?

Warum wird trotzdem von "Entlastung" gesprochen?

Eine ganz menschliche Antwort, mal ganz ohne Sarkasmus und Ironie, mag auch darin bestehen, dass das Gros unserer ehrenamtlichen (!) MandatsträgerInnen in der Ratsversammlung den 162-seitigen Bericht und noch einmal 63 Seiten zur Verkehrsuntersuchung en détail überhaupt nicht kennt.

Ansonsten haben wir es hier aber mit statistischen Taschenspielertricks zu tun, wie sie im politischen Betrieb leider gang und gäbe sind. In diesem Fall: Wir vergleichen die "Tu nix-Prognose 2025" (sog. "Nullfall") mit der "Neubau-Prognose 2025", remixen das ganze noch mit eigenen Wunschvorstellungen, wie es vielleicht einmal mit dem Ostring II aussehen könnte - und schon ist die Entlastung fertig. Und die Straßen, die sich partout auch schöngerechnet nicht entlasten lassen (TH-Ring West, ALü ...), kehren wir einfach unter den Tisch.

Der zentrale Punkt ist, dass die "Tu nix-Prognose" sozusagen als self-fulfilling-prophecy realistisch ist, wenn sich unsere Politiker mit ihren Scheinlösungen zufrieden geben und damit für mehr Autos sorgen. Statt bereits heute alles dafür zu tun, Mobilität mit weniger Autos zu ermöglichen.

Links & Bildnachweise

  • (1) bielenbergkoppel.de CC BY-SA 4.0
  • (2) LH Kiel, Erläuterungsbericht A21, S.87, Abbildung 10-29, Planfall 1, Gestaltung des Barkauer Kreuzes. Bearbeiteter Bildausschnitt.

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