Kiels öffentlicher Nahverkehr ist nicht gut genug. Man sieht das jeden Tag am Theodor-Heuss-Ring oder am Holsteinkreisel. Und auch die Zahlen sagen das: Mit nur 10% Anteil am Gesamtverkehr ist Kiel bundesweit so ziemlich Schlusslicht, was den ÖPNV in vergleichbaren Städten angeht. Lübeck (8%) nicht eingerechnet. Höchste Zeit, das zu ändern und dabei auf das bewährteste Mittel zu setzen: Kiel braucht eine Tram - und zwar lieber heute als morgen!

"Wer kann, fährt Bahn - wer muss, fährt Bus" - dieser holprige Reim bringt auch in Kiel das Dilemma auf den Punkt. Bahn gibt es nur im Regionalverkehr mit dem Umland. Spätestens am Bahnhof muss in Busse umgestiegen werden. Und diese Busse ruckeln bereits jetzt an den Grenzen ihrer Kapazität auf den Hauptstrecken durch Kiel. Und im Bereich der Uni oder der Holtenauer gibt es kaum noch die Möglichkeit, zu Spitzenzeiten den Takt zu erhöhen. Von Großveranstaltungen wie Holstein-Spielen oder Kieler Woche ganz zu schweigen, wenn sich auch Auswärtige mal so richtig als Kieler Sprotte fühlen dürfen. Die in der Dose.

Es ist verständlich, dass sich viele das nicht antun und dann doch lieber mit dem Auto unterwegs sind, wenn gleichzeitig auch das Fahrrad keine Alternative ist.

Die endgültige Einstellung der ersten Kieler Straßenbahn im Jahr 1985 war die letzte in ganz Deutschland - und ein riesiger Fehler. Statt in eine Modernisierung zu investieren, wurde dem Zeitgeist entsprechend ganz auf das Auto und Busse gesetzt.

Realistisch, wirtschaftlich und notwendig

Bereits bei den Vorstudien für das eingestellte "StadtRegionalbahn"-Projekt (SRB, pdf ) wurde festgestellt, dass eine Rückkehr der Schienen auf Kiels Straßen realisierbar und volkswirtschaftlich sinnvoll ist. So wie auch in Städten wie Karlsruhe, Kassel oder Chemnitz ähnliche Bahnen mit großem Erfolg betrieben werden. Letztlich ist die SRB an der Politik gescheitert, wofür die Sabotage durch die ehemalige SPD-Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke exemplarisch steht.

Auch der neue "Masterplan Mobilität" der KielRegion spricht von der Notwendigkeit eines "Systemwechsels" vom klassischen Busverkehr weg. Gemeint ist Tram oder ein Schnellbussystem. Wobei eine Tram auf jeden Fall elektrisch fahren würde, größere Kapazität hätte und Busse nie den Fahrkomfort eines Schienensystems haben werden.

Wo lang?

Im Zusammenhang mit der Südspangen-Planung wären mögliche Linienführungen interessant. Eine erste Linie würde mit Sicherheit die CAU mit einbeziehen, vielleicht auch die FH am Ostufer als Endpunkt im Osten. Die Holtenauer bis zur Wik hätte sicher auch Priorität. In einer späteren Ausbaustufe wäre auch der Sprung über den Kanal denkbar, Stichwort MFG5 Gelände.

Tram ins Gewerbegebiet Wellsee?
Tram ins Gewerbegebiet Wellsee?

Eine Variante, die nie im Zuge der SRB-Planung geprüft wurde, wäre aber eine Einbeziehung des größten Kieler Gewerbegebietes in Wellsee. Dort liegt seit den 70er Jahren bereits ein Industriegleis mit Verbindung zur Stadt und in Nähe zur späteren A21. In weniger als 10 Minuten könnte der Bahnhof erreicht werden. Auch für (Auto-)Pendler vom Süden, BesucherInnen der Kieler Woche oder von THW-Spielen.

Ob dieses Gedankenspiel vielleicht mehr Potenzial hätte, für Entlastung von Straßen zu sorgen als die bereits begonnene Reaktivierung von Hein-Schönberg? Man müsste es prüfen ...

Die Tram ist kein Allheilmittel

Der große Vorteil ist aber die Nachhaltigkeit, die ein solches Tram-System hätte. Denn unabhängig davon, ob die Zukunft autonome Busse oder RoboTaxis bringt, wird auf den Hauptstrecken ein Schienensystem mit großer Kapazität benötigt werden. Und im Gegensatz zu Schnellbussystemen wie Bus Rapid Transit wäre eine spätere umsteigefreie Verknüpfung mit dem Umland immer noch möglich, sozusagen als RegioTram oder "SRB 2.0". Und eine Fahrradmitnahme in der Tram wäre auch eher möglich und wird auch in anderen Städten praktiziert. Wenn auch nicht immer während der Stoßzeiten.

Richtig ist aber auch, dass ein neues Tramnetz in Kiel alleine nicht reicht, um die Kieler Verkehrsprobleme zu lösen oder Klimaschutzziele zu erreichen. So hätte es auch keinen positiven Effekt, wenn Radfahrer auf die Tram umssteigen würden. Es müsste ein Gesamtpaket an Maßnahmen geschnürt werden, das alle Verkehrsmittel einschließt.

Sicherlich müssen heute Politiker mit Gegenwind rechnen, wenn auch unpopuläre Maßnahmen wie Tempo 30 auf Durchgangsstraßen oder City-Maut ins Spiel gebracht werden. Es sollte dafür gesorgt werden, dass dieser noch viel heftiger bläst, wenn es um Projekte wie die Südspange geht.

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